Komfort – Schwerwiegende Denkfehler von UL-Gegnern

Das Alter plagt mich und mit ihm die langsam kommenden Zipperlein, die einen auch Anfang 40 plagen können. Ich bin keine Anfang 20 mehr und während ich „damals“ Dreck gefressen und mit einem Hauch von Nichts als Schlafsack die heftigsten Minusgrade locker weggesteckt habe, sieht das heute etwas anders aus.

Latte Machiato Ultraleicht

Latte Machiato Ultraleicht…muss schon sein

Ein bisschen Komfort muss da schon sein.

Aber hey! Komfort ist auch wieder so eine Sache, die ein UL-Hiker ein UL-Trekker ja auf gar keinen Fall hat, oder? Als UL-Hiker friert man halt immer ein bisschen, weil der Schlafsack zu leicht/dünn ist und schläft wegen einer auf Torsolänge zusammengeschnittenen Wellpappe als Isomatte auch immer ein bisschen schlechter. Mann isst ein bisschen zu wenig und kocht ein wenig zu umkomfortabel und und und…

Dafür kann man aber tagsüber dann auch immer mehr als 50km durch die Gegend rennen ohne auch nur irgendwas von der Landschaft zu sehen. So machen das UL-Hiker doch?!

So viel Spaß mir das auch macht überspitzt Sachen ironisch/sarkastisch aufs Papier zu bringen, so nah dran sind dann eben die Kommentare im echten Leben auch genau an solchen Aussagen dran.

UL-Trekker und UL-Hiker müssen einfach masochistisch veranlagt sein, gerade wenn sie dann noch auf mehrwöchigen oder sogar mehrmonatigen Touren unterwegs sein zu wollen.

Ist das wirklich so, dass z.B. Pacific Crest Trail Hiker, die ultraleicht unterwegs sind einfach 5 Monate lang leiden wollen und uns das dann als tolle Erfahrung verkaufen wollen? Kann man tatsächlich nicht mit leichter Ausrüstung erfolgreich und komfortabel in Gebieten wie Nordskandinavien unterwegs sein?

Gehts hier wirklich um UL oder um was geht es hier?

Wenn man sich genau anschaut ab welchem Rucksack-Basisgewicht das Komfortvorurteil greift, dann wird klar, das es hier nicht alleine um UL geht. Ultraleicht bedeutet an sich ein Basisgewicht von unter 10 amerikanischen Pfund, (Unter 4,4 Kilo). Deswegen wird dieses Vorurteil auch schon dann in den Raum geworfen, wenn das Basisgewicht zwischen 5 und 10 Kilo liegt, oft greift dieses Vorurteil aber schon dann, wenn die vorgestellte Ausrüstung eben leichter ist als die eigene.

Wie kommt es aber dann zu diesem ganz schön weit verbreitetem Vorurteil?

Das wird sich jetzt hart anhören, aber in meinen Augen gibts da schon ein paar Erklärungsansätze (wenn ihr noch Erklärungsansätze habt, dann schickt sie mir, ich ergänze das.:

  1. Unerfahrenheit. Tatsächlich gibt es in meinen Augen einen Zusammenhang zwischen Erfahrung und Rucksackgewicht. Je mehr Tourenerfahrung man hat, desto wahrscheinlicher ist es, dass man Dinge weglassen wird, die man auf den letzten 10 Touren eben nie benutzt hat. Man erkennt „totes Gewicht“ und lässt es einfach weg.
  2. Angst! Angst, dass man irgendwas nicht dabei haben könnte, was man dann aber „unbedingt“ braucht. Ja, es gibt Dinge, die man hoffentlich selten braucht und trotzdem dabei haben sollte, ein 1.Hilfe-Set z.B. Aber braucht man wirklich die 2.Trekkinghose – nur für den Fall das die erste nass geworden ist und man sich die zweite auch nassregnen lassen kann?
  3. Dogmatischer Schornsteinblick. Diesen gibt es zugegebenermassen auf beiden Seiten des Gewichtsspektrums. Nichtsdestotrotz steht einem der Faktor „Das haben wir schon immer so gemacht“ stark im Weg, wenn man sein Rucksackgewicht reduzieren möchte.
  4. Der erhobene Zeigefinger! Da sagt also einer, dass das was ich seit Jahren draußen mache „falsch“ ist. So kommt das nämlich häufig rüber, wenn sich zwei Personen mit unterschiedlichem Rucksackgewicht unterhalten. Der schwerere Trekker bekommt das Gefühl etwas falsch zu machen und verteidigt seine Ausrüstungswahl. Dabei geht er allerdings nicht auf seine Ausrüstung ein, sondern greift die leichte Ausrüstung seines Gegenüber an.
  5. Fehlinformation durch Fachmedien. Das ist unter Umständen nicht mal böse gemeint, aber in den Medien brauchts halt immer einen Rucksack mit „richtigem Tragesystem“ oder einen festen Bergstiefel oder die rucksacktaugliche (schwere) Jacke. Das rührt zum einen daher, dass ein Großteil der Outdoor-Branche schwer produziert und sich das natürlich auch in den Medien so widerspiegelt. Zum anderen gibt es Sicherheitsaspekte, die z.B. im Bereich Schuh dazu führen, dass man lieber ein bisschen mehr Schuh verkauft als unter Umständen notwenig ist. Man ist dann auf der „sicheren Seite“, selbst wenn das nicht notwendig ist.
  6. Schlechte Verfügbarkeit im Handel plus fehlende Beratungskompetenz. Was man nicht kennt und was man nicht angeboten bekommt kann man sich schwerlich einkaufen. Der Fachhandel hat in meinen Augen immer noch nicht die Vorteile leichter Ausrüstung für Kunde und Geschäft verstanden. Das führt zu einem traditionellen Sortiment. Wer hier übrigens Geschäfte mit Nachholbedarf kennt, die offen für neue Sachen sind, dann schickt denen meinen Kontraktdaten. Ich gebe ultraleichte Verkaufsschulungen für den Handel.
  7. Man möchte nichts neues kaufen (schöner Einwurf von Jens vom Hiking-Blog hier in den Kommentaren). Man hat eine komplette Ausrüstung und möchte sich keine komplett neue Ausrüstung kaufen. Das kann finanzielle Gründe haben oder  vielleicht passt das ein oder andere (wenn auch schwere) Produkt einfach so gut, dass man nicht wechseln möchte. Auch aus Nachhaltigkeitsgründen sollte man nicht alles 2 Minuten was neues kaufen, nur weil das Gewicht dann 2 Gramm runtergeht. Trotzdem ist hier alleine über die überlegte Zusammenstellung und das Weglassen bei der eigenen Ausrüstung ein vergleichsweise leichter Rucksack möglich.

 

Mini-Exkurs: Hat den schwere Ausrüstung überhaupt noch eine Daseins-Berechtigung?

auch im Winter gehts leichter

auch im Winter gehts leichter, wenn man will…

 

Auch wenn ihr euch jetzt wundert werdet. Die Antwort ist ganz klar JA. Andrew Skurka ist jemand der epochale Touren ultraleicht und/oder sehr leicht gelaufen ist. Er beschreibt immer ganz klar, dass das Gewicht auch von der Zielsetzung des Trekkers für die Tour getrieben wird. 

Der Bushcrafter, der mit ein paar Kumpels ein schönes Wochenende in einem nahegelegenen Waldstück verbringen möchte, um dort Brot und deftige Eintöpfe in einem gusseisernen Dutch-Oven zu kochen/backen und genüßlich Frühstückseier in der mitgebrachten Murrika-Pfanne zum Frühstück zubereitet, denkt keine Sekunde über den 20kg Rucksack nach, den er fürs Wochenende gepackt hat. 

Es gibt tatsächlich auch Szenarien, die nach enger Ultraleicht-Definiton nur schwer ultraleicht zu meistern sind. Der Outdoor Fotograf, der alleine über das Kamera-Equipment schon nicht mehr ultraleicht ist ist ein Bespiel hierfür. 

Wenn ich mit meinen Kids im Wald bin, habe ich auch eine feste schwere Trekkinghose an, die ich für meine UL-Trekkingtouren nie mitnehmen würde.

Verschiedene Arten von Komfort und Komfortverlust

So schwammig der Begriff „Ultraleicht“ im echten Leben benutzt wird, so schwammig gehts mit dem Totschlagargument „Komfort“ und dem damit verbundenen Komfortverlust auch weiter.

Ultraleicht bedeutet für viele Leute, die nicht ultraleicht oder leicht unterwegs sind Komfortverlust.

Aber welcher Komfort überhaupt? Schlafkomfort? Ess-Komfort? Laufkomfort? Anderer Komfort?

Auf die Frage nach dem Komfort gibt es für mehrere Antworten:

  1. Die heutige Ausrüstungswelt bietet in allen Bereichen komfortable und leichte Lösungen, die einen gleichwertigen Komfort gewährleisten zu „schweren“ Produkten .
  2. Wie komfortabel ist bei einer Trekkingtour die als Weitwanderung geplant ist der 25kg Rucksack gegenüber einem 15kg/10kg/5kg Rucksack? Der mitgeschleppte Komfort für was auch immer, kann und wird zu einem spürbaren Komfortverlust während des Wanderns führen. Wenn das Wandern jetzt 8-10 Stunden des Tages einnimmt, dann stellt sich die Frage, welcher Komfort höher einzuschätzen ist, der Laufkomfort oder der Nicht-Lauf-Komfort.
  3. Wie komfortabel sind die gesundheitliche Folgen einer schweren Ausrüstung, die man in vielen Reiseberichten nachlesen kann (Blasenbildung, schmerzende Gelenke, Tourenabbruch)?

 

Mein Fazit

Ich glaube fest an die Vorteile leichter Ausrüstung und vor allem die Möglichkeiten, die sie einer großen Menge an Leuten eröffnet. Das bezieht nicht nur die kilometergetriebenen Leistungs-Trekker ein, sondern vor allem Leute, die vielleicht etwas älter, vielleicht etwas unfitter und vielleicht etwas gesundheitlich (Knie, Rücken,etc.) angeschlagen sind und ihr Hobby deswegen nicht aufgeben wollen.

Ich vergleiche das Thema schwer und leicht im Trekking gerbe mit dem Radsport. Es gibt Rennräder, MTBs, E-Bikes und weiß nicht noch was. Und je nach Zielsetzung des Radlers haben die alle ihre Berechtigung.

Und je nach Zielsetzung kann ich einen komfortablen Campingstuhl aus meinem Rucksack ziehen oder unbeschwert mit einem ultraleichten Rucksack den letzten Kilometer zur Campstelle laufen.

Es ist Eure Entscheidung, die nicht besser oder schlechter wird, weil jemand anders mit einer leichteren oder schwereren Ausrüstung unterwegs ist.

Weitere Beiträge aus der Serie – Schwerwiegende Denkfehler von UL-Gegnern

Der Rucksack

Essen und Trinken

 

11 Kommentare zu “Komfort – Schwerwiegende Denkfehler von UL-Gegnern

  1. Bert

    Hallo Carsten,

    toller Artikel und tolerante Auslegung des Themas, da du durchaus Grauzonen zulässt. Finde ich gut, denn jeder hat da wirklich seine eigene Pufferzone, und wenn ich mit 5 KG unterwegs bin, ok, dann schimpf ich mich halt nicht UL Hiker, aber die Richtung, der rote Faden passt.

    Und die wichtigsten Punkte finde ich die beiden Ersten. Man kann sich viel anlesen und anhören, aber wirklich wissen wird man es erst, wenn man es selbst probiert/gemacht hat. Und die Angst, ja, klar. Immer wieder fragt man sich, aber wenn und da könnte…aber Punkt 2 nimmt ab je mehr Punkt 1 man hat 🙂

    Bert

  2. Malte

    Lieber Carsten,
    auch von mir vielen Dank. Du inspirierst mich immer wieder, auch für meine Wintertouren ein wenig leichter zu denken. UL bin ich noch lange nicht, aber finde mich in deinem Artikel trotzdem gut wieder. Die dogmatische Herangehensweise liegt mir gar nicht, deswegen wähle ich die pragmatische. An meinem Schlafsack spare ich nicht, aber die zweite Isomatte für den Komfort lasse ich inzwischen gerne weg.

    Mir ist noch ein weiterer Grund eingefallen, warum das Thema UL es im Handel und in Fachmedien schwerer hat. Etwas wegzulassen, gar nicht erst anzuschaffen oder durch Double-Use mit anderen Gegenständen zu ersetzen verkauft sich halt nicht. Über MYOG kann ich zwar noch schreiben, aber Anzeigen verkaufe ich damit auch nicht.
    Natürlich kann man für UL Ausrüstung einen Haufen Geld ausgeben, aber insgesamt schafft man mutmaßlich doch weniger an. Oder wie siehst du das?

    Herzliche Grüße
    Malte

  3. Karlson

    Leider wird bei vielen leicht vs. schwer Diskussionen der Tourtyp komplett außen vor gelassen. Es sollte jedem klar sein, dass man auf einem klassischen Thruhike oder einer Wochenendtour in Zentraleuropa anderes Zeug braucht als für 3 Wochen autark ohne Wege am Arsch der Heide in einer Schlechtwetterregion. Jeder Tourtyp hat sein eigenes Level von angemessener Redundanz und Sicherheitsreserven.

    Andrew Skurka hat nach seinem Alaskatrip nicht ohne Grund den Artikel ultralight vs. Stupid light geschrieben.

    1. Carsten "Sauerkraut" Jost Autor des Beitrags

      Hallo Karlson,

      Andrew Skurka mag auch den Begriff Ultralight überhaupt nicht und geht in seinem Buch
      „The Ultimate Hiker“ auch zuerst auf die Zielsetzung ein und dann auf das Gewicht.

      In den allermeisten Sportarten spielt Gewicht irgendwann eine Rolle. Selbst bei Polar-Expeditionen
      ist Gewicht absolut wichtig und man versucht hier Gewicht zu sparen wo es nur geht.

      Mein Punkt ist neben „Leben und leben lassen“ aber definitiv, dass in meinen Augen häufiger die etwaig
      negativ vorhandenen negativen Aspekte leichter Ausrüstung (und ich sage hier bewusst nicht ultraleicht)
      in den Vordergrund gestellt werden als die positiven Aspekte zu zeigen.

      Ja, es gibt immer Szenarien in denen leichte Ausrüstung nicht funktioniert und nicht angebracht ist.
      Das macht aber ja auch gar nichts und bedeutet nicht, das leichte Ausrüstung nicht funktioniert.

      Ich fahr halt auch nicht mit einem Rennrad im Bikepark, sondern nehm ein MTB mit. Trotzdem fahr
      ich gerne Rennrad 🙂

      Gruß

      Carsten

  4. Jens

    Hey Carsten, guter Artikel zum Thema UL-Kritiker!

    Es gibt natürlich nicht nur ULer und UL-Kritiker, sondern auch noch was dazwischen.

    Ich bin z.B. kein UL-Wanderer, jedoch mittlerweile auch sehr gewichtsorientiert unterwegs, ohne das ich auf Komfort verzichten muss.

    Ich bin der Meinung, dass Erfahrung beim Thema UL eine ganz wichtige Rolle spielt. Und die kommt erst mit der Zeit. Wo bin ich unterwegs und welche Bedingungen erwarten mich? Was brauche ich unterwegs wirklich? Welche Kleidungsstücke kann ich kombinieren? Und dann kann man nach und nach die Ausrüstung und Bekleidung durch leichtere ersetzen (Dazu muss man aber erst die Erfahrung sammeln, was funktioniert und was nicht). Damit lässt sich auch als nicht ULer schon viel erreichen.

    Leichter unterwegs zu sein, hat auch aus meiner Erfahrung nur Vorteile, ohne das man Einbußen beim Komfort hat.

    Deine Erklärungsansätze der UL-Gegner kann ich nur bestätigen, wobei die ersten beiden Punkte aus meiner Sicht die Hauptgründe sind.

    Ich denke aber auch, dass einige Hersteller durch übertriebene Marketingsprache dazu beitragen, dass viele Unerfahrene das Gefühl haben, sie müssen sich vor den Wetterbedingungen perfekt schützen, weil sie sonst sterben. Und maximaler Schutz ist meistens schwerer.

    Und dann gibt vielleicht auch noch den Erklärungsansatz, dass sich nicht jeder ständig neue Ausrüstung und Bekleidung kaufen möchte oder kann und einfach das benutzt, was er sich irgendwann mal gekauft hat.

    Viele Grüße und bis Freitag!

    Jens

    1. Carsten "Sauerkraut" Jost Autor des Beitrags

      Hi Jens,

      danke für den Einwurf mit der Problematik des Neukaufens. Trag ich gleich mit ein.

      Gruß

      Carsten

  5. Hans-Joachim Schneider

    So wird es immer gehen, wenn man die Welt in Lager teilt. Wer viel wandert, wird irgendwann wohl seine Erfahrungen gemacht haben und den Rucksack abspecken. Wenn nicht, wird er wohl auch seine Gründe dafür haben.

    1. Carsten "Sauerkraut" Jost Autor des Beitrags

      Absolut.

      Wobei ich mich auch manchmal in der Schornsteinmentalitäts-Falle ertappe.

      Aber wie sagt man so schön? Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung 🙂

      Gruß

    1. Carsten "Sauerkraut" Jost Autor des Beitrags

      🙂

      Deinem Kommentar fehlt noch ein bisschen Kontext. Magst Du den noch liefern?

      Gruß

      Carsten

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